12. Juni 2016

Wenn wir vor uns selbst flüchten...
















In meiner Teenager-Zeit habe ich mich viel mit dem Gedanken der Flucht auseinandergesetzt.
Viele für andere alltägliche Dinge waren aus meinem Blickwinkel lediglich Flucht. Beispielsweise die Menschen, die ihren Samstag damit verbrachten, sich Schaufensterauslagen in der Innenstadt anzuschauen, nur um sich nicht mit ihren Problemen und Gedanken auseinandersetzen zu müssen.
So war meine Denkweise.

Auch das Reisen diente in meinen Augen nur der Ablenkung. Es war für mich ein Zeichen von Feigheit, sich nicht sich selbst zu stellen und der Konfrontation mit seinem Inneren auszuweichen.

Zwischenzeitlich sehe ich das etwas anders.
(siehe hierzu auch. Fernweh....oder die Sehnsucht nach Leben)

Meine erste einschlägige Erfahrung war in diesem Zusammenhang in Italien.
Ich war dort mit zwei Freundinnen, deren Interessen sich allerdings deutlich von meinen unterschieden. Daher seilte ich mich immer wieder ab und machte mein eigenes Ding. Ich empfand plötzlich diese innere Freiheit. Ich fühlte mich losgelöst. Ich ging, wohin ich wollte, ohne Rücksicht auf anderer Wünsche und entdeckte mich selbst ganz neu.

Auch meine Trips in Israel, in einem Land mit fremder Sprache und Schrift, allein im Bus usw. zeigten mir, wie viel Angst ich immer hatte und wie unberechtigt diese war.
Zuletzt dann eine Woche in Barcelona, spontan, kurzfristig, allein. Ein Traum.

Beim allein reisen lernt man sich auf eine völlig andere Weise kennen. Situationen, bei denen man in einem vorgestellten Szenario verzweifeln würde, lassen sich ohne Probleme und mit viel Ruhe und Gelassenheit meistern. Das einzige, was man dazu zulassen muss, ist im Moment zu sein. Auf die eigenen Bedürfnisse nach Pause oder Ruhe zu hören, sich nicht stressen zu lassen. Man kann es sowieso nicht ändern und ist gezwungen vor Ort eine Lösung für die anfallenden Probleme zu finden.

Diese Erfahrungen bringen einem viel Selbst – Zuversicht und Selbst- Vertrauen. Man vollbringt Dinge, die man sich nie zugetraut hätte und wächst über sich hinaus.

In Zeiten, in denen man mit sich alleine ist, hat man die Möglichkeit, sich auf andere Art – losgelöst von den Problemen und Negativitäten des Alltags – mit sich selbst auseinanderzusetzen.
Ich denke inzwischen, Reisen dient nicht allein der Ablenkung und der Flucht, wenn man es zulässt, an sich zu arbeiten und nicht alles fix bis ins kleinste Detail geplant und abgesichert ist.
Es bietet eie Möglichkeit, sich aus dem Gedankenkreislauf heraus zu nehmen und aus einem anderen Blickwinkel auf sich selbst zu schauen.

So wird aus einer ursprünglichen Flucht eine Selbsterfahrung.

Ich kann es nur jedem nahe legen, dieses Experiment einmal zu machen. Es verändert einen von Grund auf. Man lernt, was alles in einem steckt und wer man eigentlich noch ist, außerhalb von der Spitze der Persönlichkeit, die im Hamsterrad-Alltag ausreichend und notwendig ist.


© 11.06.2016 Aurelia Bin Weg